Fibromyalgie (FMS): Wenn der Körper dauerhaft „auf laut“ geschaltet ist
Rätselhafte Schmerzen, bleierne Müdigkeit und „Nebel im Kopf“ – für Menschen mit Fibromyalgie ist das kein vorübergehender Zustand, sondern Alltag. In der Hausarztpraxis am Romanplatz verstehen wir FMS als komplexes Schmerzsyndrom, das man ernst nehmen, gut erklären und strukturiert behandeln muss – von Schlaf und Genetik bis zu Vitaminen und spezialisierter Stoßwellentherapie.
Was bei Fibromyalgie im Körper passiert – der „Lautstärkeregler“ für Schmerz
Früher klassifizierte man Fibromyalgie als „Weichteilrheuma“. Heute wissen wir: Die Muskeln sind nicht entzündet – sie sind überwiegend das Opfer. Die eigentliche Störung sitzt im zentralen Nervensystem. Schmerzreize werden nicht mehr richtig gefiltert und erscheinen im Gehirn übertrieben laut.
Ein Bild hilft vielen Betroffenen: Stellen Sie sich Ihr Schmerzsystem wie ein Radio vor. Bei gesunden Menschen spielt es leise Hintergrundmusik. Wenn man sich stößt, wird es kurz lauter und regelt danach wieder herunter. Bei Fibromyalgie steht der Lautstärkeregler dauerhaft auf Anschlag. Selbst kleine Auslöser – ein enger BH-Träger, ein längerer Spaziergang, ein stressiger Tag – lösen einen großen Alarm aus.
Für Patientinnen und Patienten fühlt sich das an wie Muskelkater ohne Sport, Brennen in Armen und Beinen oder ein dauerhaft wundes Körpergefühl. Das ist nicht psychosomatisch, nicht „eingebildet“, sondern Ausdruck einer überempfindlichen Schmerzverarbeitung.
Good to know: Fibromyalgie ist ein funktionelles Schmerzsyndrom – die Funktion der Schmerzfilter ist gestört, nicht die Struktur der Muskeln oder Gelenke.
Typische Symptome: Mehr als „Schmerzen überall“
Fibromyalgie ist ein Chamäleon. Die Beschwerden können von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Drei Säulen kehren aber fast immer wieder:
1. Tiefe, diffuse Muskelschmerzen
Viele Betroffene beschreiben ein Gefühl, als sei der ganze Körper wund. Manchmal brennt es, manchmal zieht oder drückt es. Besonders häufig betroffen sind Nacken, Schultergürtel, Rücken, Hüften und Oberschenkel. Klassische Tenderpoints – druckempfindliche Punkte – verstärken das Schmerzempfinden zusätzlich.
2. Erschöpfung (Fatigue)
Die Müdigkeit bei Fibromyalgie ist keine „normale“ Müdigkeit. Sie ist schwer, bleiern und geht oft mit einem Gefühl innerer Überforderung einher. Viele Patienten sagen: „Mein Akku lädt einfach nicht mehr richtig auf.“ Das ist kein Versagen des Willens, sondern eine Folge gestörter Regeneration.
3. „Fibro-Fog“: Nebel im Kopf
Neben Schmerzen und Müdigkeit berichten viele Menschen mit FMS über Wortfindungsstörungen, Konzentrationsprobleme und das Gefühl, „wie durch Watte“ zu denken. Man vergisst Sätze, verliert den roten Faden oder fühlt sich geistig verlangsamt. Das kann beruflich wie privat sehr belastend sein.
Good to know: Fibromyalgie verläuft in Wellen. Es gibt bessere Phasen und sogenannte Schübe, in denen Stress, Wetterwechsel oder Infekte die Beschwerden verstärken. Das bedeutet nicht, dass die Therapie versagt – sondern dass das Nervensystem sensibel reagiert.
Schlaf & Energie: Wenn die „Ladestation“ des Körpers wackelt
Viele Patientinnen und Patienten mit Fibromyalgie schlafen lange – und wachen trotzdem wie erschlagen auf. Ursache ist häufig eine gestörte nächtliche Regeneration. Normalerweise sinkt die Herzfrequenz nachts deutlich ab, der Körper schaltet in den Reparaturmodus, Muskeln werden regeneriert, Stresshormone abgebaut.
Bei Fibromyalgie zeigt sich in Messungen häufig das Gegenteil: Die Herzfrequenz bleibt zu hoch, Tiefschlafphasen sind verkürzt, das Nervensystem bleibt im „Alarmmodus“. Man schläft zwar, aber man lädt nicht auf. Aus hausärztlicher Sicht ist es daher zentral, Schlafqualität, Herzfrequenzverlauf und Stressbelastung mitzudenken.
Wer den Schlaf ignoriert, behandelt nur die Spitze des Eisbergs. Wer die nächtliche „Ladestation“ repariert, nimmt dem Schmerz langfristig einen seiner wichtigsten Verstärker. Praktische Tipps zur Schlafhygiene und gesundem Schlaf haben wir in einem eigenen Artikel zusammengefasst.
Genetik: Warum manche Menschen stärker betroffen sind
Oft hören Betroffene aus ihrem Umfeld Sätze wie „Du bist einfach zu empfindlich“. Moderne Genetik liefert einen ganz anderen Blick: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte Genvarianten – zum Beispiel am sogenannten COMT-Gen – die Schmerzverarbeitung und den Abbau von Stressbotenstoffen beeinflussen.
Vereinfacht gesagt: Die molekulare „Müllabfuhr“ für Schmerz- und Stresssignale arbeitet bei manchen Menschen langsamer. Während bei anderen Menschen ein Reiz schnell abgebaut ist, bleibt er bei ihnen länger im System. Das macht körperliche Reaktionen intensiver und länger anhaltend – ganz ohne jede Charakterschwäche.
Für einige Patientinnen und Patienten ist es sehr entlastend, das schwarz auf weiß zu sehen – etwa über eine spezialisierte genetische Diagnostik (z. B. an universitären Zentren wie dem Genetischen Institut der LMU). Die Kosten werden derzeit selten von den Kassen übernommen, können aber helfen, das eigene Krankheitsbild besser zu akzeptieren.
Unknown Fact: Fibromyalgie ist kein „mindset problem“, sondern hat messbare biologische Grundlagen – unter anderem auf genetischer Ebene.
Diagnose: Detektivarbeit statt einzelner Laborwert
Es gibt keinen Bluttest, der eindeutig „Fibromyalgie“ anzeigt. Auch Röntgen, MRT oder Ultraschall liefern meist normale Befunde. Gerade das macht die Diagnose anspruchsvoll und erklärt, warum viele Betroffene jahrelang ohne klare Antwort bleiben.
Früher galt: Wenn genügend definierte Tenderpoints bei Druck schmerzhaft waren, war die Diagnose gesichert. Heute orientieren wir uns an einem umfassenderen Bild:
- chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen (oben/unten, links/rechts)
- deutliche Erschöpfung und nicht erholsamer Schlaf
- kognitive Probleme („Fibro-Fog“)
- keine Hinweise auf andere Erkrankungen wie entzündliches Rheuma, Borreliose, Schilddrüsenerkrankungen oder ausgeprägte Depression
Die Diagnose entsteht also aus dem Zusammenspiel von Gespräch, körperlicher Untersuchung, Labor und dem Ausschluss anderer Ursachen. Wichtig ist, dass Sie mit Ihren Beschwerden ernst genommen werden und genügend Zeit bleibt, das Gesamtbild zu verstehen.
Vitamin-Check: Mikronährstoffe als Verstärker – oder Entschärfer – von Schmerzen
Medizinisch besonders wichtig: Viele Beschwerden der Fibromyalgie überschneiden sich fast 1:1 mit Symptomen von Vitamin- und Mineralstoffmängeln. Dazu gehören Müdigkeit, Muskelschmerzen, Kribbeln, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Häufige „Verstärker“ sind:
- Magnesium: der wichtigste „Entspanner“ für die Muskulatur – bei Mangel verstärken sich Verspannungen und Krämpfe.
- Vitamin D: ein niedriger Spiegel kann Knochen- und Muskelschmerzen nicht nur imitieren, sondern auch verstärken.
- Vitamin B12 & B-Komplex: essenziell für gesunde Nerven und eine stabile Reizweiterleitung.
- Eisen & Ferritin: häufige Ursache für bleierne Müdigkeit und reduzierte Leistungsfähigkeit.
„Blindes“ Einnehmen von Nahrungsergänzungsmitteln hilft dabei selten. Entscheidend ist, gezielt zu messen, was fehlt – und nur das aufzufüllen. In der Hausarztpraxis am Romanplatz arbeiten wir daher nach dem Prinzip „Messen statt Raten“ und bieten einen spezialisierten Vitamin-Check an.
In diesem Check analysieren wir Ihr Blutprofil detailliert, um versteckte Mängel aufzudecken, die Ihre Fibromyalgie unnötig verstärken. Nur was wirklich fehlt, wird ergänzt – in Form von Tabletten, Tropfen oder, wenn sinnvoll, als Vitamininfusion.
Mehr erfahren: Alle Details zum Ablauf, zu Laborparametern und Kosten finden Sie auf unserer Seite Vitamin-Check München – Blutwerte für Vitamine & Mineralstoffe.
Therapie: Der multimodale Ansatz der Hausarztpraxis am Romanplatz
Fibromyalgie entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Schmerzverarbeitung, Schlaf, Mikronährstoffe, Stress, Genetik und Muskelspannung. Entsprechend braucht es eine Therapie, die an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzt. Wir arbeiten in der Hausarztpraxis am Romanplatz mit einem klar strukturierten, multimodalen Konzept.
Bewegung – aber klug dosiert
Totale Schonung macht das Schmerzsyndrom meist schlimmer. Sanfte, regelmäßige Aktivität – Spaziergänge, leichtes Krafttraining, Yoga oder Aquafitness – verbessert die Durchblutung, entspannt Muskeln und hilft dem Nervensystem, Reize besser einzuordnen. Entscheidend ist, das richtige Maß zu finden: ein bisschen mehr als bequem, aber weniger als überfordernd.
Stressreduktion & psychische Stabilisierung
Chronischer Stress hält den Körper im Alarmmodus. Atemtechniken, Achtsamkeit, Psychotherapie oder Coaching können helfen, das Nervensystem herunterzufahren. Viele Patientinnen und Patienten profitieren von gezielten Entspannungsverfahren wie progressiver Muskelrelaxation oder Meditation – kleine tägliche Routinen, die große Wirkung haben.
Schlafoptimierung
Ohne guten Schlaf haben selbst die besten Therapien nur begrenzte Wirkung. Wir besprechen mit Ihnen Schlafhygiene, mögliche Zusatzfaktoren wie Schlafapnoe, unruhige Beine, Medikamente und erstellen bei Bedarf einen individuellen Plan, wie Sie Schritt für Schritt wieder zu mehr Tiefschlafphasen kommen.
Kernbotschaft: Es gibt keine einzelne Wunderpille, aber es gibt viele Stellschrauben. Wenn man mehrere davon gleichzeitig justiert, kann sich die Lebensqualität spürbar verbessern.
Stoßwellentherapie bei Fibromyalgie: Muskeln neu „programmieren“
Ein besonderer Schwerpunkt unserer Praxis ist die spezialisierte Stoßwellentherapie bei muskulären Schmerzen und Triggerpunkten. Viele Menschen kennen Stoßwellen nur aus der Orthopädie – etwa zur Behandlung von Fersensporn. Bei Fibromyalgie setzen wir sie anders ein: als präzises Instrument, um verkrampfte Muskelfelder zu lösen und das Schmerzgedächtnis positiv zu beeinflussen.
Schritt 1: Der Schmerz-Scan („Wünschelruten-Methode“)
Mit einem größeren Behandlungskopf tasten wir die schmerzhaften Regionen systematisch ab. Sie sagen uns, wo der Schmerz „anspringt“. Genau dort verweilen wir zunächst. Oft spüren Sie innerhalb weniger Sekunden, wie der Druck nachlässt.
Schritt 2: Der Millimeter-Tanz
Wenn ein Bereich ruhiger wird, wandern wir wenige Millimeter weiter und wechseln bei Bedarf auf einen kleineren Aufsatz. So lösen wir Schritt für Schritt ein ganzes Areal aus verspannten Muskeln und Triggerpunkten.
Schritt 3: Fokussierte Stoßwelle – bis zu 3 cm Tiefe
Für besonders hartnäckige Punkte nutzen wir die fokussierte Stoßwelle. Sie dringt bis zu drei Zentimeter tief ins Gewebe ein und erreicht Strukturen, die man von außen gar nicht ertasten könnte. Das ist vor allem dort hilfreich, wo Oberflächenbehandlungen nicht ausreichen.
Direkt nach der Sitzung fühlen sich viele Patientinnen und Patienten leichter oder „weiter“ in den behandelten Regionen. Der volle Effekt entwickelt sich in den folgenden zwei bis drei Tagen. In der Regel planen wir mehrere Sitzungen ein, um das Schmerzsystem schrittweise zu beruhigen.
Unknown Fact: Je besser Sie während der Behandlung zwischen „guter“ und „zu viel“ Intensität differenzieren, desto effektiver können wir Ihr Schmerzsystem neu justieren – es ist echte Teamarbeit.
Was Sie selbst tun können – praktische Alltagstipps
Fibromyalgie fühlt sich für viele Menschen zunächst wie Kontrollverlust an. Umso wichtiger ist es, Bereiche zu finden, in denen Sie selbst aktiv werden können. Kleine, konsequente Schritte bringen häufig mehr als seltene Radikalkuren.
- Bewegung in Mini-Dosen: lieber täglich 10–20 Minuten sanfte Aktivität als einmal pro Woche Vollgas.
- Regelmäßige Wärme: warme Bäder, Wärmflasche, Sauna oder Wärmepflaster können Muskeln beruhigen.
- Magnesium am Abend: nach Rücksprache kann eine geeignete Form helfen, nächtliche Muskelspannung zu reduzieren.
- Schlafrituale: feste Zu-Bett-Zeiten, Bildschirm-Pause, ruhige Übergangsphasen signalisieren dem Körper: Jetzt ist Ruhe.
- Kurze Entspannungsinseln: Atemtechniken, Achtsamkeit oder kurze Meditationen können das Nervensystem zwischendurch herunterfahren.
Wir besprechen im Rahmen der Sprechstunde gemeinsam, welche Maßnahmen zu Ihrer aktuellen Lebenssituation passen und realistisch umsetzbar sind. Niemand muss alles auf einmal ändern – aber jeder kann irgendwo beginnen.
Fazit: Ihre Schmerzen sind real – und sie sind beeinflussbar
Fibromyalgie ist kein „Modewort“ und keine Einbildung. Es ist ein komplexes Schmerzsyndrom, bei dem Schmerzfilter im Nervensystem, Schlaf, Genetik, Mikronährstoffe und Muskelspannung zusammenwirken. Das erklärt, warum einfache Standardlösungen selten helfen – und warum es sich lohnt, genauer hinzusehen.
Mit einer Kombination aus verständlicher Aufklärung, strukturiertem Vitamin-Check, konsequenter Schlaf- und Stressregulation, sanfter Bewegung und spezialisierter Stoßwellentherapie lassen sich Schmerzen und Erschöpfung deutlich reduzieren. Ziel ist nicht, „perfekt“ zu funktionieren, sondern wieder ein Leben zu führen, das sich freier und selbstbestimmter anfühlt.
Wenn Sie wissen möchten, ob Ihre Beschwerden zu Fibromyalgie passen oder ob unser Behandlungskonzept für Sie geeignet ist, sprechen Sie uns an oder vereinbaren Sie einen Termin in unserer Sprechstunde.
Ihr Team der Hausarztpraxis am Romanplatz
Ausgewählte wissenschaftliche Quellen (Auszug, PubMed)
- Vitamin D und muskuloskelettale Schmerzen – Zusammenhänge zwischen niedrigem Vitamin-D-Spiegel und Schmerzsymptomen.
- Vitamin B12, Neuropathie und Fatigue – Bedeutung für Nervenfunktion und Energie.
- Eisenmangel und Müdigkeit – Effekt einer Eisensubstitution bei nicht-anämischen Patient:innen.
- Magnesium und Muskelkrämpfe – reviewbasierte Daten zu Muskelbeschwerden und Supplementation.
- Fibromyalgie und zentrale Sensitivierung – aktuelle Konzepte zur Pathophysiologie.
- Stoßwellentherapie bei myofaszialen Triggerpunkten – Evidenz für Schmerzlinderung und Funktion.